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Eis schmilzt
dramatisch schnell Eisfläche der Arktis auf Rekordtief geschrumpft - Nordwestpassage am Nordpol für Schiffe frei ![]()
Tauwetter am NordpolDie Arktis schmilzt. Der Klimawandel lässt Kulturen untergehen und macht neue Rohstofflager zugänglich
Hätte es damals schon Menschen gegeben, die Arktis wäre der ideale Ort für ihren Badeurlaub gewesen. Viel frische Luft und 20 Grad warmes Wasser hatte das Nordpolarmeer vor 55 Millionen Jahren zu bieten. Eis gab es nicht. Mit diesem überraschenden Befund warten Wissenschaftler des Integrierten Ozeanbohr-Programms (IODP) auf, die im Sommer mit Eisbrechern Ablagerungen aus dem Grund des Ozeans erbohrten. In den Sedimentschichten des Lomonossow-Rückens, 250 Kilometer vom Nordpol entfernt, hatten sie die Überreste winziger Algen zutage gefördert, die sich nur in subtropischen Gewässern wohlfühlten. Zwar beginnt die Auswertung der insgesamt 339 Meter langen Bohrkerne in dieser Woche gerade erst , doch schon jetzt ist klar: Stabil war das arktische Klima in den vergangenen 80 Millionen Jahren nie. Ausgerechnet die letzten paar Jahrtausende, in denen sich die menschliche Zivilisation entwickelt hat, sind eine Ausnahme von dieser Regel. Während die arktischen Durchschnittstemperaturen ansonsten innerhalb von 100 Jahren um bis zu 20 Grad schwankten, blieben sie in den vergangenen 10000 Jahren relativ stabil. Doch mit der Ruhe scheint es jetzt vorbei zu sein. Um vier bis sieben Grad, und damit deutlich schneller als der Rest der Erde, könnte sich die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts erwärmen. Um 15 bis 20 Prozent ist die Eisdecke in den vergangenen 30 Jahren bereits zurückgegangen, am Ende des Jahrhunderts wäre ein komplett eisfreier Nordpol in den Sommermonaten wieder vorstellbar. Auch Grönlands Gletscher schrumpfen. Das dabei abfließende Schmelzwasser könnte den Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten um bis zu 90 Zentimeter ansteigen lassen. All dies hätte globale Folgen für Klima, Flora, Fauna, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Abschlussbericht des Arctic Climate Impact Assessments (ACIA), der diese Woche in Islands Hauptstadt Reykjavík vorgestellt und diskutiert wurde, listet sie auf. Ein internationales Team von 300 Wissenschaftlern hat dafür in den vergangenen vier Jahren weltweit Forschungsergebnisse ausgewertet und in zehn Thesen zusammengefasst, die spätestens am 24. November politische Wirkung entfachen sollen. Dann wird der Bericht an den Arktischen Rat übergeben, in dem die acht Anrainerstaaten Kanada, Russland, Dänemark, Norwegen, Finnland, Island, Schweden und die USA zusammengeschlossen sind. Gemeinsam produzieren diese Länder über 30 Prozent des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes – und Kohlendioxid ist der »dominante Faktor« für die Erwärmung der Arktis, davon sind die Autoren des ACIA-Berichts überzeugt.
© ZEIT-Grafik Topaktuell sind ihre Zahlen und Erkenntnisse nicht. Jüngste Forschungsergebnisse – wie etwa die im Sommer mitgebrachte IODP-Klimageschichte – konnten nicht mehr berücksichtigt werden. Dafür ist der ACIA-Bericht vor seiner Veröffentlichung besonders gründlich begutachtet worden, um wissenschaftlich ungesicherte Aussagen zu vermeiden. Entsprechend vorsichtig, fast diplomatisch, sind die Formulierungen. Ausdrücklich verweisen die Forscher darauf, dass die Prognosen auf einem weiteren Anstieg der von Menschen erzeugten Treibhausgas-Emissionen beruhen und die klimatischen Folgen vor allem durch Fortschreibung bereits heute zu beobachtender Trends vorhergesagt wurden. »Aufgrund der Komplexität des irdischen Ökosystems ist es aber auch möglich, dass der Klimawandel sich ganz anders entwickelt«, heißt es unter der Überschrift Potenzielle Überraschungen. Etwa dann, wenn Meeresströmungen sich nicht stetig, sondern sprunghaft verändern. Statt wärmer könnte es dann in der Arktis durchaus auch wieder kälter werden – so wie es in den vergangenen Jahrzehnten gegen den allgemeinen Trend in Teilen Grönlands und Nordnorwegens beobachtet wurde. Andere Effekte können sich aufschaukeln. Sobald zum Beispiel durch das Abschmelzen der Gletscher in Grönland zunehmend dunklere Erde zum Vorschein kommt, wird die Hitze des Sonnenlichts besser aufgenommen, so dass sich die Erde weiter erwärmt. Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Wenn sich durch die Erwärmung Sibiriens Wälder nach Norden ausbreiten, werden sie größere Mengen CO2 binden und damit für eine Abschwächung des Treibhauseffekts sorgen. Jedenfalls dann, wenn nicht gleichzeitig die Waldbrände weiter zunehmen. Ziemlich widersprüchlich sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Arktis-Erwärmung. Einerseits gefährdet der steigende Meeresspiegel und das Auftauen von Permafrostböden die bisherige Lebensgrundlage der arktischen Bevölkerung. Straßen, Pipelines, Industrieanlagen und ganze Städte drohen im Morast zu versinken. Andererseits nimmt die landwirtschaftlich nutzbare Fläche zu. Das Nordpolarmeer wird für Fischerei, Rohstoffabbau und Schifffahrt zugänglich. In Alaska, vor allem aber in der russischen Arktis lagern große Vorräte an Erdgas, Erdöl, Kupfer, Nickel und anderen Bodenschätzen. Zieht sich das Eis zurück, liegen sie zur Erschließung frei. Noch sind die Hoheitsrechte an weiten Teilen des Polarmeeres ungeklärt. »Streit ist deshalb wahrscheinlich«, heißt es im ACIA-Bericht. Der Seeweg zwischen Nordeuropa und Japan, Nordchina oder Korea ist durch das Nordmeer um 40 Prozent kürzer als durch den Suezkanal. Bisher ist die Nordostpassage nur an wenigen Tagen passierbar – geräumt von russischen Eisbrechern. Würde es wärmer, stünde Ende des Jahrhunderts die Abkürzung bis zu 150 Tage lang offen. Dass es so kommen wird, behauptet der ACIA-Bericht nicht. Klima entsteht aus dem komplexen Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren, von denen die meisten noch nicht einmal in ihrem Istzustand hinreichend bekannt sind. »Messtechnisch ist die Arktis bisher völlig unterbelichtet«, sagt die Ozeanografin Ursula Schauer, die am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut die Erforschung der arktischen Einflüsse auf das europäische Klima koordiniert und Teile des ACIA-Berichts begutachtet hat. Zwar stehen immer mehr Daten aus der Satellitenbeobachtung zur Verfügung, noch sind aber die Fehlerraten hoch. Messungen der Eisdicke sind zum Beispiel nur brauchbar, wenn sie punktuell mit Hubschraubern kontrolliert werden – und das ist teuer. Das Netz klassischer Wetterstationen ist von Kanada und Russland in den vergangenen Jahren nicht aus-, sondern abgebaut worden. »Uns fehlt ein Beobachtungssystem, das die Daten mit modernster Technik jederzeit online verfügbar macht«, sagt Schauer. Um die entscheidenden Vergleichswerte aus der Vergangenheit steht es noch schlechter. Die wurden in der Arktis vor allem von sowjetischen Atom-U-Booten gesammelt und unterliegen militärischer Geheimhaltung. »In den ersten Jahren nach der Wende gab es Daten«, sagt Schauer, »inzwischen sind sie wieder unter Verschluss.« Auch Forschungsgenehmigungen seien für das russische Hoheitsgebiet kaum noch zu bekommen. Klimatisch herrscht Tauwetter, politisch Eiszeit. Und das gilt nicht nur für Russland. Ursprünglich war die Veröffentlichung des ACIA-Berichts für Ende Oktober geplant – kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA. Doch dann wurde sie auf Mitte November verschoben, aus rein organisatorischen Gründen, wie die isländischen Gastgeber versichern. Unter den beteiligten Wissenschaftlern glaubt das aber kaum jemand. Hartnäckig hält sich bei ihnen das Gerücht, dem amerikanischen State Department habe die schlechte Nachricht vom drohenden Aussterben der Eisbären nicht ins Wahlkampfkonzept gepasst. |
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Hitzeschock am Nordpol06.09.2004Vor 55 Millionen war der Arktische Ozean
an die 20 Grad Celsius warm und eisfrei! Diese Entdeckung machten jetzt
Wissenschaftler der internationalen ACEX-Expedition (Arctic Coring
Expedition = Arktische Bohrexpedition). Wissenschaftler mehrerer
Disziplinen erbohren derzeit unter Einsatz von drei Eisbrechern in der Nähe
des Nordpols Ablagerungen am Grund des Arktischen Ozeans. In etwa 390
Metern unter dem Meeresboden fand das internationale Forscherteam aus acht
Nationen Überreste winziger Meeresalgen, die an solch subtropische
Temperaturen angepasst waren. Andere Mikroorganismen im Sediment zeugen
von heftigen biologischen Umwälzungen im arktischen Ozean und vom plötzlichen
Aussterben vieler Meeresorganismen. ACEX wird von britischen, schwedischen
und deutschen Forschungseinrichtungen im Rahmen des Integrierten
Ozeanbohr-Programms (IODP) durchgeführt. Die Arbeiten am Nordpol werden
am heutigen Montag abgeschlossen. "Vor 55 Millionen Jahren, an der
erdgeschichtlichen Grenze von Paläozan und Eozän, herrschten auf der
Erde extreme Treibhausbedingungen - auch in der Arktis, wie wir jetzt
wissen," sagt Expeditionsleiter Prof. Jan Backmann von der Universität
Stockholm mit Blick auf die jetzt gefundenen subtropischen Meeresalgen.
"Auf der Basis unserer vorläufigen Befunde müssen wir die frühe
Geschichte des Arktischen Beckens ganz neu bewerten. Offensichtlich war
das Klima damals wechselhafter als wir bislang angenommen haben."
Im März 2007 beginnt das "Internationale
Polarjahr" - und feiert damit zugleich ein Jubiläum. So wird seit
nunmehr 125 Jahren zum vierten Mal international weltweit
Forschungskapazität und Logistik gebündelt, um fächerübergreifend die
Polargebiete zu erforschen. Linktipps vom
WDR:
http://www.klimawandel.com |
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