Texte aus der Arbeitswelt
Textanalyse

Lehrkräfte

   
   
   
  Deutung (Interpretation) eines Textes

Formuliertes Textverständnis setzt eine sorgfältige Untersuchung des Textes voraus.

Arbeitsschritte:

1. Vorbereitung

- sorgfältig lesen, auch mehrmals;
- Unverstandenes klären: aus Textzusammenhang, mit Nachschlagewerken, durch Fragen an andere;
- Auffälligkeiten (was deinen Erwartungen zuwiderläuft) registrieren;
- einen unübersichtlichen Text durch Zwischenüberschriften gliedern;
- klären, ob es sich um einen fiktionalen (dichterischen) oder pragmatischen (zweckorientierten) Text handelt;
- vorläufiges Textverständnis in Stichworten festhalten; das meint - vor allem bei pragmatischen Texten - eine Vermutung über die Intention (Absicht) des Autors . Wichtig ist es, hinter dieses Einverständnis gedanklich ein großes Fragezeichen zu setzen, damit es nicht zum Vorurteil wird, das richtigere Einsichten verhindert. Der Zweck dieses Erstverständnisses ist es, die weitere Untersuchungsrichtung festzulegen; das heißt wir prüfen bei allen Einzelheiten, ob sie sich sinnvoll in unser Erstverständnis einfügen lassen (es also bestätigen) oder nicht (es also in Frage stellen).

2. Fragen an den Text (Analyse)

- Was wird dargestellt (Vorfall, Handlung, Gedanke, Zustand, Gefühl)?
- Wie steht der Sprecher (das lyrische Ich, der Erzähler; beim pragmatischen Text: der Autor selbst) zum Dargestellten?
- Welche sprachlich-stilistischen Mittel fallen auf (Wortwahl, Satzbau, Metrum, Reim, rhetorische Figur, Rhythmus)?
- Welche sprachlichen Bilder (Metaphern, Vergleiche ...) sind wichtig?
- Wie ist der Text aufgebaut?
- Zu welcher Textgattung gehört der Text?
- Was wissen wir vom Autor/der Autorin, vom historischen Hintergrund? Erhellt das den Text? Wird eine Deutung nur auf Anhaltspunkte im Text beschränkt, werden also Fragen wie die  letztgenannte nicht gestellt, so spricht man von werkimmanenter Interpretation.

3. Zusammenfassung (Synthese)

- Wurde das vorläufige Textverständnis bestätigt, vertieft, verändert? Wenn verändert: Wie verstehen wir den Text jetzt? Lassen sich in dieses Textverständnis alle Einzelheiten sinnvoll einfügen?
- Wenn die Untersuchung nur ergeben hat, dass unser Erstverständnis nicht aufrecht zu halten ist, müssen wir mit einem neuen Verstehensversuch die Untersuchung wieder neu beginnen.

4. Niederschrift der Textdeutung

Es gibt kein verbindliches Schema, aber Ratschläge:
- Einleitend sollten wir die Überschrift, den Autor/die Autorin und die Textgattung nennen und kurz (!) den Inhalt oder den Problembereich skizzieren.
- Wir können dann unser vorläufiges Erstverständnis formulieren und anschließend den Leser unserer Deutung an unserer Überprüfung dieses Erstverständnisses teilhaben lassen.
Wichtig ist es, nur diejenigen Analyseschritte aufzuzeichnen, die irgendwie für unsere Deutung wichtig sind. Vor allem ist es unergiebig, formale (sprachliche, stilistische) Einzelheiten nur zu  benennen, ohne dabei zu verdeutlichen, welchen Beitrag sie zur Aussage, zur Wirkung des Textes leisten.
- Wir fassen dann unser Ergebnis, unser Textverständnis, zusammen.
- Abschließen sollten wir mit einer persönlichen Bewertung des Textes. Wir sagen dabei, was uns gefallen hat, was uns wichtig wurde, und zwar so, dass die Subjektivität unserer Bewertung auch sprachlich deutlich wird („Mir scheint..."; „ich empfinde..." usw.).

5. Häufige Fehler bei schriftlichen Textdeutungen
- Statt einer kurzen Inhaltsangabe oder Erklärung der Bedeutung oder Untersuchung wird nur nacherzählt.
- Wörtliche Übernahmen (Zitate) werden nicht klar gekennzeichnet („..").
- Die Perspektive der Darstellung ist unklar. Der Leser weiß nicht, ob der gedeutete Text spricht oder der Deuter des Textes.
 
   
  Wer erzählt hier was?

Jeder Text wird aus einer bestimmten Perspektive erzählt. Sie zu erkennen ist Voraussetzung der Interpretation

Er oder ich? – das ist eine der ersten Fragen, die man sich bei einer Textinterpretation stellt. Denn aus welcher Sicht ein Text geschrieben ist, sagt viel über seine Glaubwürdigkeit und über die Frage, was der Autor mit ihm erreichen will.

Der Ich-Erzähler kommt selbst in der Handlung vor, der Er-Erzähler berichtet über andere – auch wenn einmal ein „Ich“ vorkommt (z.B.: „Ich erzähle nun die Geschichte von ...“). Wichtig: Der Erzähler ist eine Erfindung des Autors und nicht mit diesem identisch. Das gilt auch in der Ich-Form!

Schwieriger zu erkennen, aber nicht weniger wichtig, ist die Perspektive des Erzählers. Hier gibt es verschiedene Einteilungen, Lehrer unterscheiden jedoch meist zwischen auktorial, neutral und personal. Die wichtigsten Unterschiede sind auf dieser Doppelseite erklärt: Sechs Erzähler berichten aus unterschiedlicher Perspektive über die Schlussszene eines Fußballspiels. Ein Tipp noch: Oft wechselt die Erzählperspektive innerhalb eines Textes! So kann eine Biografie teils neutral, teils auktorial und teils personal geschrieben sein.

DER „AUKTORIALE“ ERZÄHLER ...

... steht außerhalb des Geschehens. Er kennt die Gedanken der Beteiligten und weiß zugleich mehr als sie. Deshalb heißt er auch „allwissender Erzähler“. Er beurteilt, wertet, richtet Worte an den Leser. Im Sport könnte etwa ein Trainer (Beispiel A) oder Spieler (B) im Rückblick auktorial von einer Spielszene erzählen.

ER-Perspektive

Ich kann Ihnen sagen, das war knapp damals! Die 90. Minute lief, die Mannschaft war in Unterzahl, und das Publikum hatte sich schon auf Verlängerung eingestellt. Plötzlich stand Michael genau richtig. Als ob er gewusst hätte, dass der Pass etwas zu weit links landen würde ...

ICH-Perspektive

Diese verunglückte Flanke fiel mir genau vor die Füße. „Das ist die Chance!“, dachte ich und stürmte los. Im Nachhinein war es natürlich auch Glück, dass die Verteidigung unachtsam war. Jedenfalls hatte ich keine Ahnung, was das für meine Karriere bedeuten sollte ...

DER „NEUTRALE“ ERZÄHLER ...

... beschreibt lediglich, was passiert ist. Er nennt ausschließlich Fakten und enthält sich eigener Urteile, ist daher weniger deutlich wahrnehmbar – auch in der Ich-Form. Stattdessen finden sich oft Zitate. Beispiele sind Nachrichten (A) und Spielprotokolle (B).

ER-Perspektive

Der entscheidende Treffer fiel erst in der Schlussminute, als Michael Ballack einen Pass an der Mittellinie abfing und den Ball mit einem umjubelten Solo ins Tor brachte. „Ich bin überglücklich!“, sagte der Kapitän der Deutschen, die seit der 73. Minute in Unterzahl waren ...

ICH-Perspektive

Die reguläre Spielzeit war vorbeit, als ich etwa in Höhe der Mittellinie einen Querpass der gegnerischen Mannschaft erreichte. Ich führte den Ball an zwei Verteidigern vorbei bis vor das Tor und schoss schließlich in die rechte untere Ecke ...

DER „PERSONALE“ ERZÄHLER ...

... nimmt die Perspektive einer handelnden Figur ein und schildert ihre Gedanken, Gefühle, persönlichen Erlebnisse. Diese Innensicht ist sehr emotional und mitreißend. Auch in der Vergangenheit erwähnt die Figur nur, was sie zum Zeitpunkt der Handlung wusste. So könnte ein Beteiligter in Er- oder in Ich-Form (A/B) personal über das entscheidende Tor berichten.

ER-Perspektive

Zunächst ärgerte er sich noch über seinen unpräzisen Abstoß, der wieder einmal beim Gegner gelandet war. Doch als er dann kurz darauf sah, wie Michael den Ball zurückholte, war alles vergessen. Er schrie nur noch: „Laaaaauf!“

ICH-Perspektive

Ich stehe also vor meinem Tor und möchte im Boden versinken, weil der Abstoß schon wieder beim Gegner gelandet ist. In der 90. Minute! Aber dann sehe ich, wie Michael den Ball aus der Luft pflückt und losrennt – und auch ich kann mich nicht mehr halten ...
   
   
   
   
   
   
   
   

Biografie Bertolt Brecht

Günter Wallraffs Website

Biografie Wallraff

Video zur Reportage "Unser täglich Brötchen..."
   
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